Politischer Gammelfleisch-Skandal

Dieser Grundsatzkommentar, diese etwas andere Art der Mediennutzungskritik der Redaktion wurde inspiriert von einem Interview Stefan Ecks auf einem Medium, dass seiner politischen Kompetenz angemessen erscheint: der Rubrik Günzburg auf myheimat.de:

Thomas Rank: Dir Tierschutzpartei hat ja 0,1 % hinzugewonnen. Sind sie damit zufrieden?

Stefan Eck: Nein, überhaupt nicht! Ein deutliches Zeichen, dass noch viel Überzeugungsarbeit vor uns liegt. 98,8 Prozent der Wähler/innen haben wir nicht erreicht – trotz Gammelfleisch-Skandale, trotz vermehrter Medienberichte über die tierquälerischen Zustände in der Massentierhaltung, trotz Antibiotika-Hühnerfleisch, trotz aufziehender Klimakatastrophe, trotz massivem Artenaussterben. Wir hatten mit zwei Mandaten gerechnet, aber das Gros der Wähler/innen scheint noch nicht die Zeichen der Zeit interpretieren zu können oder zu wollen.

Die Arroganz der Hochstapler. Natürlich scheinen die Wählerinnen und Wähler die Zeichen der Zeit nicht interpretieren zu können, sind also dumm und damit für Natur, Umwelt, Tier und sich selbst gefährlich. Oder sie wollen nicht interpretieren, das heißt, sie vorsätzlich für Natur, Umwelt, Tier und sich selbst gefährlich, was noch viel schlimmer ist. Kann man als chronisch selbstverliebter Bestmensch so sehen. Die dummen und / oder gemeinen Wähler sehen das naturgemäß anders.

Interessant und für das kopflose Agieren der ‚Tierschutzpartei‘ symptomatisch ist das völlige Fehlen jeder Einsicht, dass es vielleicht an Wahlkampf, an Inhalten und / oder Personalien gelegen haben könnte. Selbstkritik ist nicht vorgesehen, Kritik unerwünscht.

Thomas Rank: Gab es auch schon negative Erfahrungen mit der Presse?

Stefan Eck: Ja. Man versucht hin und wieder, uns vorzuführen. Das erkennt man sehr leicht an den Fragestellungen. Ich habe letzte Woche ein Interview mit dem Spiegel nicht autorisiert, nachdem ich es mir nochmal in aller Ruhe durchgelesen und erkannt habe, worin die Intention des Journalisten lag…

cringeDem muss widersprochen werden. Wer gut vorbereitet in ein Interview geht, muss sich nicht ‚vorführen‘ lassen. Nicht der Interviewer hat eine Intention, die unkommentiert akzeptiert werden muss, sondern der Interviewte hat jede Möglichkeit, die Intentionen der zu vertretenden Partei zu transportieren und eine mögliche Intention des Interviewers zu parieren und zu kontern. Aber ausgerechnet dem SPIEGEL im Nachhinein die Autorisierung zu verweigern und eigene Fragen anzubieten, zeugt von enormer Überschätzung der eigenen Person, der eigenen Fähigkeiten. Es steht jedem Interviewten frei, einen anderen Termin zum Telefoninterview vorzuschlagen, um dann ausgeruht, vorbereitet und – möglicherweise – nüchtern antworten zu können. Und zu sein.

Stefan Eck: …Ich denke, dass man in einem demokratischen Land das Recht haben sollte, ein Interview vorab abzulehnen oder später nicht zu autorisieren, wenn man seine Probleme mit den Fragestellungen oder der politischen Ausrichtung einer Zeitung oder eines Magazins hat….

Sicher muss niemand mit dem ‚Rennsteigboten‘ sprechen. Allerdings liegen Probleme mit der Fragestellung oft genug an selbst erzeugten Probleme der entsprechenden Publikation, des entsprechenden Interviewers. Wenn die – im Falle des SPIEGEL – eine ‚Intention‘ haben (der SPIEGEL ist nicht unbedingt als Satiremagazin bekannt) – wird man sich diese ‚Intention‘ redlich erarbeitet haben.

Stefan Eck: …Für mich ist der Spiegel übrigens das beste Magazin Deutschlands und ich lese ihn seit meinem 15. Lebensjahr. Aber auch der Spiegel kann mal daneben liegen. Er wird auch weiterhin zu meiner Lektüre gehören.

Ja, was denn nun? Das beste Magazin Deutschlands? Ausgerechnet hier eine ‚Intention‘? Seit dem 15. Lebensjahr gelesen und noch immer nicht verstanden, wie der SPIEGEL wen in welchem Zusammenhang interviewt? Und sich dann unvorbereitet, spontan und möglicherweise nicht ganz fit darauf eingelassen? Das ist in höchstem Maße unprofessionell und macht mehr als deutlich, dass die ‚Tierschutzpartei‘ nicht die Person nach Straßburg schicken durfte, die mit der größten Kompetenz, den besten Anlagen und der höchsten Glaubwürdigkeit das Anliegen der Partei würdig und angemessen hätte vertreten können.

Stefan Eck führte aus, dass die ‚Tierschutzpartei‘ exotisch sei, und sich dies besser verkaufen ließe, als die übliche 0815-Politik.

Weder vor, noch im oder nach dem Wahlkampf war davon allerdings viel zu spüren. Das mag zwei Gründe haben: Entweder war das Medieninteresse marginal, wofür die dünne Auswahl an Pressereaktionen auf der Bundeshomepage spricht. Oder die Reaktionen der Medien bzw. die diesen zu Grunde liegenden Interviews waren so schlecht, dass selbst die an Medieninteresse nicht gerade verwöhnte ‚Tierschutzpartei‘ sie lieber nicht veröffentlichte.

Und noch etwas, das, was von Stefan Eck so arrogant als 08/15-Politik abgestempelt wurde, findet wenigstens ganz real statt. Auch wenn längst nicht immer mit dem gewünschten Ergebnis.

Solange aber die ‚Tierschutzpartei‘ nicht Willens und in der Lage ist, die simpelsten Grundregeln einer politisch aktiven Partei zu befolgen, wird sie immer eine exotische Splitterpartei sein, die sich unverstanden und vorgeführt fühlt und in der Politik einfach nicht mitspielen darf.

  • Politik ist NICHT das umschmeicheln einer als ideal angesehenen marginalen Klientel, von der man selbst mit Anstrengung nur eine Minderheit erreicht, weil denen selbst eng formulierte Maximalforderungen noch nicht radikal genug sind,
  • ist NICHT das Ausgrenzen einer breiten Wählerschaft durch das Vortragen von Forderungen, die gerne als Fernziel ein Parteiprogramm schmücken dürfen, aber für viele potentielle Wähler zu weit gehen,
  • ist NICHT das Einfordern von Verboten, ohne aufzuzeigen, wie die Umsetzung funktionieren soll, welche Schritte notwendig wären, ob und welche Übergangsfristen realistisch wären und welche Handlungsalternativen denkbar wären,
  • ist NICHT das Ausschalten innerparteilicher Kritik, das Entfernen engagierter, aber kritischer Mitglieder, die Gleichschaltung einer Partei, Zensur, Löschung kritischer Äußerungen im Internet, Intransparenz und nachweisliches Verbreiten von Lügen.

Was ist los mit einer Partei, die einerseits auf die Anfangserfolge der ‚Piraten‘ schielt, sich aber gebärdet als abgeschottete Wagenburg der reinen, veganen Lehre – zumindest zwischen den Mahlzeiten? Die schon Vegetarier nicht als Tierschützer akzeptieren und Fleischesser, die womöglich andere, mindestens ebenso wichtige Kompetenzen für eine breit aufgestellte und damit wählbare und möglicherweise mit-regierungsfähige Partei mitbringen? Und im Sinne des Fernziels bestimmt lernfähig sind?

Was ist los mit einer Partei, die alles dafür tut, ihre Nische möglichst klein und überschaubar zu halten? Die sich faschistoid aufführt und sich selbst jeder Glaubwürdigkeit beraubt? Die nach eigener Aussage nicht dazu kommt, programmatisch zu arbeiten, da sie so viel Zeit damit verbringen muss, sich der ‚Schädlinge‘ zu erwehren, ohne sich jemals gefragt zu haben, ob nicht die Recht haben und ob es nicht besser wäre, die ‚Schädlinge‘, die in Wirklichkeit nur konstruktive Kritiker sind und statt Ideologien in einen Bundesvorstand bringen nur Selbstverständlichkeiten einfordern, die in jeder Partei Gang und gäbe sind und unsere parlamentarische Demokratie so stark und erfolgreich machen.

Unstrittig ist, dass es immer etwas / vieles zu Verbessern gibt, in jedem System, dass von Menschen geschaffen wurde. Die ‚Tierschutzpartei‘ aber macht vor, wie es garantiert nicht funktionieren kann.

Und das haben unsere Mitgeschöpfe, die Tiere, um das sich doch gerade in einer Tierschutzpartei alles drehen sollte, nun wirklich nicht verdient. Das hilf- und teilweise hirnlose Agieren dieser ‚Partei‘ schadet der Sache mehr als das es ihr dient.

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Veröffentlicht in Aktuelles, Bundesvorstand, Europawahl
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