Bremer Desaster

In Bremen waren Wahlen. Das ist gut. Die Wahlbeteiligung erreichte ein Rekord-Tief für die ‚alten‘ Bundesländer. Das ist noch besser. Die ‚kleinen‘ Parteien, die als ‚Andere‘ in den Statistiken weitgehend unsichtbar bleiben, erreichten einen Anteil von insgesamt 16,46 % in Bremen bzw. 17,70 % in Bremerhaven. Das ist perfekt. Zumindest für die kleinen Parteien, die Splitterparteien. Beste Voraussetzungen für eine seit 21 Jahren bekannte (?) Partei wie die Tierschutzpartei. Zumal die Vorbereitungen offenbar optimal gelaufen sind, vertraut man der Webseite des Landesverbands Bremen, die da schreibt:

Unser Wahlkampf in Zahlen –

Wir haben

863 Unterstützungsunterschriften gesammel
tüber 90 Infostände abgehalten, zum Teil 2 an einem Tag, bei Regen, Sturm und auch bei strahlendem Sonnenschein
dabei ca. 11.500 km zurückgelegt
an 13 Großveranstaltungen teilgenommen, z.B. Gegen Rechtspopulismus und Rassismus in Bremen, Gegen Tierversuche in Bremen, Tag der Arbeit in Bremerhaven, 17. Bremerhavener Aktionstage zur Teilhabe behinderter Menschen, u.v.a.
insgesamt 1200 Plakate aufgehängt (die nächste Woche noch wieder eingesammelt werden müssen
30.000 Flyer an Bürger verteilt
7.500 Aktionsflyer ebenfalls
und 1000 Wahlprogramme
ca. 5000 Themenflyer des Bundesverbandes der Partei Mensch Umwelt Tierschutz.
Zahllose Hände geschüttelt und Fragen der BürgerInnen beantwortet und hoffen damit jede Menge Sympathisanten für unsere Partei gefunden zu haben.
Wir haben fertig. Nun sind sie dran liebe Wähler.

Genau, dann waren die Wähler dran. Und die watschten die ‚Tierschutzpartei‘ in die Bedeutungslosigkeit. Das Ergebnis:

  • Bremerhaven 1,39 bei 17,70 Sonstige (vorläufiges Endergebnis 11.05.2015 17:30 Uhr)
  • Bremen 1,10 % bei 16,46 Sonstige (vorläufiges Endergebnis 11.05.2015 17:30 Uhr)  Teilergebnis, 99% erfasst

Wenn man den betrieben Aufwand dem Ergebnis gegenüberstellt, wird das Ausmaß der Blamage deutlich. Aber wir wird – zum Beispiel – auf Facebook , also öffentlich, damit umgegangen?

Markus H: Das Ergebnis ist ein Desaster. Schlechter als bei der bundestagswahl 2013, wo wir im wesentlichen nur Plakate gehängt haben. Wir haben uns diie letzten 6 Monate den Arsch aufgerissen. Davon die letzten dreieinhalb sieben Tage die Woche und nicht unter 14 Stunden und fahren dann ein Ergebnis ein, dass wir auch hätten kriegen können, wenn wir an den Strand gefahren wären.

Politisch liegt die ‚Tierschutzpartei‘ bereits seit 21 Jahren am Strand.

Michael K: Über 50 % der „Wähler“ sind zum Wählen zu blöd – noch blöder als die, die tatsächlich gewählt haben. Und die sind schon blöd genug. Um eine neue „Marke“ platzieren zu können, braucht man in diesem kleinen Bundesland eine Million Euro Etat.

So ist es. Zu blöd, um die ‚Tierschutzpartei‘ zu wählen. Aber vielleicht doch nicht so blöd? Weil die NPD da bleibt, wo sie hingehört? Draußen Und die Eintagsfliege ‚Die Piraten‘ auch? Und ‚Die Partei‘? Die zwar – zugegeben – eine Spaßpartei ist, aber dafür wenigstens auch Spaß macht? Oder die ÖDP? Die nur dort erfolgreich ist, wo Weißwurscht und Eisbein zu Hause sind In Bayern?

Fakt ist: Die ‚Tierschutzpartei‘ hat mit ihrem Ergebnis in Bremen bewiesen, dass offenbar doch mehr dazu gehört, als mit viel Einsatz und Material in einem sehr überschaubaren Bundesland knapp über 1 % der Wähler zu überzeugen. Die Wähler haben einmal mehr einer Einthemenpartei eine deutliche Abfuhr erteilt. Die Gründung zahlloser Arbeitskreise und eine ellenlange Themenpalette auf der Webseite können über die äußerst begrenzte Kompetenz außerhalb der Kernkompetenz Tierschutz nicht hinweg täuschen.

Auch Zitate von Ereignissen aus den Medien sind nichts weiter als leere Zitate, wenn sie nicht mit eigenen Ansätzen und Handlungsalternativen kommentiert werden. Wähler können alle Inhalte überall lesen – und tun dies auch.

Immer mehr Menschen interessieren sich für Tierschutz, dass ist richtig. Bis zu dem Punkt, an den es zu Einschränkungen im eigenen Verhalten kommen könnte. Wenn dann eine Partei mit Maximalforderungen um Stimmen buhlt, ohne Ausstiegsszenarien anzubieten, weil dass die Lieblingsklientel der Veganer verprellen könnte, hat den Knall nicht gehört. Natürlich ist es löblich, sich vegan zu ernähren oder gar vegan zu leben. Aber das ist ein Ideal. Wenn eine Partei alles unterhalb des Ideals ausblenden möchte, blendet sie auch jede Möglichkeit konsequent aus, jemals politisch relevant zu werden. Zumal ein erheblicher Teil der umworbenen Veganer nicht einmal die ‚Tierschutzpartei‘ wählen möchte.

Woran das liegt? Vielleicht daran, dass auch Veganer (und Vegetarier) nicht so blöd sind wie diese 50% der Nicht-Tierschutzpartei-Wähler und ganz genau verstehen, welche Luftnummer sich hinter dem Label ‚Partei  Mensch Umwelt Tierschutz‘ verbirgt.

Der ’neue‘ Bundesvorstand setzt das ‚System Eck‘ lückenlos fort, die Wagenburg bleibt geschlossen, die Partei eine Drehtürpartei: enthusiastische Neumitglieder – von Ex-Freien-Wählern, Ex-Republikern und Ex-NPDlern mal abgesehen – merken schnell, woher das laue Lüftchen bläst und sind nur zu oft schnell wieder weg. Wer Profil zeigt, kritisch hinterfragt, eigene, neue Konzepte versuchen möchte, Demokratie auch innerhalb der Partei als solche verstanden wissen möchte, ist schneller draußen, als für möglich gehalten. Eine Panne wie ein unabhängiges Schiedsgericht, dass Schmutz als Schmutz bezeichnet, wird es so schnell nicht mehr geben.

Das scheinen auch die wählenden Bremer verstanden zu haben.

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Veröffentlicht in Aktuelles
One comment on “Bremer Desaster
  1. […] fehlende (positive) Wahrnehmung in der Presse? Die mauen Wahlergebnisse? (Hierzu der Artikel ‘Bremer Desaster‘) Die Tatsache, das aktuell (wieder) SIEBEN (!) Landesverbände kommissarisch vom […]

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